Baltisches Tagebuch. IV. Kleine Begegnungen in Danzig. Ich wollte einen friedlichen Sonntag in der alten Hansastadt verbringen. Ich lehnte mich, am frühen Morgen, aus dem Fenster meines kleinen Hotel-zimmers und sah unter mir das nun schon gewohnte Bild einer belebten Straße, geschmückt mit vielen Hakenkreuzfahnen, die von den Balkonen roter Back-steinhäuser wehten, sah die dunklen Türme der Kir-chen, die alten Dächer über schmalbrüstigen Häuser-fronten, und den langsamen Fluß, der sich dann draußen zur Hafenbucht weitet –, und ich hörte den feiertaglichen Klang der Glocken, die in Danzig zwei- und dreistimmige Fugen in schönem Metall-Klang zu spielen wissen. Der Abglanz einer durch graue Wolken gebrochenen Frühlingssonne lag über der Stadt und versilberte heiter den blauen Dunst über den Wasserwegen. Ich will Ferien haben, beschloß ich, "Ferien vom Ich" 1–, einen ganzen Tag lang weder von Politik sprechen noch an der Schreibmaschine sitzen, sondern vor den Toren der Stadt, im Buchenwald von Oliva und an der Meeresküste von Zoppot einen Sonntags-Spaziergang machen. – Aber mit wem? – Ich stelle mir vor, daß die Danziger Bür-gerinnen ebenso denken wie ich, daß sie ihren Kin-dern die Sonntagskleidchen anziehen, viele Butter-brote streichen, und einen schönen Ausflug mit ihnen ans Grüne machen. Ich werde mir jemanden suchen. Ich zog mich also an, verließ das Hotel, und ging zuerst einmal in das "Café zum Alten Tor". Man muß in Danzig wissen, in welches Kaffeehaus man geht. Da gibt es kleine Cafés in den engen Seiten -gassen, wo sich die S.A.-Männer und Sturmbann-führer 2 treffen. Da deht geht es natürlich rauh und männ-lich zu. In der Nähe des Bahnhofs sitzen, in einem rauchigen alten Raum, die "Verdächtigen": jüdische Kaufleute, die früher einmal den Handel der städtischen Firmen mit den Bauern vermittelten, oder angesehene Holzhändler waren, junge, blasse, dunkelhaarige Studenten, die auf unerlaubten Um-wegen ausländische Zeitungen erhalten und ältere Herren, die in der üblen "Systemzeit" städtische Verwaltungsämter inne hatten. Aber da gerate ich schon wieder in die "Politik". – Und dann gibt es, am Marktplatz, das Café, wo die ehrbaren Danziger Bürgersfrauen Kuchen essen und sich mit ihren Freundinnen über die lieben Nachbarn unterhalten. Dort also ging ich hin – es war inzwischen fast halb 11 Uhr geworden – und saß gleich darauf neben einer einsamen Dame, die höflich zur Seite rückte, um mir auf der steifen, schmalen Polsterbank Platz zu machen. Ein schöner Tag heute, sagte ich – und sie antwortete zu meiner Ueberraschung: Sie sind wohl nicht von hier?Nein... aber auch keine Jüdin? – Als ich sie darüber beruhigen konnte, daß nicht alle Ausländer Juden seien, gerieten wir in ein gemütliches Gespräch. Ob sie keinen Ausflug machen wolle, an einem so schönen Tag? Mit den Kindern? Sie habe doch sicher Kinder? – Sie hieß Frau Amalie Boedeke, war mit einem Kaufmann Branche Heringshandel verheiratet und hatte drei Kinder. 3Aber einen Aus-flug machte sie nicht. Der Mann war Unterführer in der S. A. und hatte, natürlich, Festtags-Dienst. Die Kinder hatten auch alle Dienst 4. Und wenn man sie dann mal auf der Straße antrifft sagte Frau Boedeke, dann kennt man sie gar nicht. Sie sehen ja alle ganz gleich aus, in ihren Hitler-Uni-formen. Nur der Horst, der Aelteste, der ist bei der Marine-S.A. und trägt Matrosenanzug. Das ist schmuck. – Horst ist siebzehn Jahre alt, und man merkt, daß die Mutter stolz auf ihn ist. Nur weiß sie gar nicht, was aus ihm werden soll. Er war so tüchtig in der Schule – aber das nützt ja heutzutage nichts mehr. Er hätte dann eine Lehrlingsstelle im Heringshafen haben können. Aber zuerst mußte er natürlich in irgendeine Truppe der Partei ein-treten, sonst kommen die Jungen zu nichts. Und jetzt ist er bei der Marine-S.A., das ist sehr ehren-voll, aber die Stelle hat er ausgeschlagen – er hat dafür keine Zeit übrig, wegen der vielen Uebun-gen. Nun frage ich Sie, sagt Frau Boedeke trübe, was soll aus dem Horst werden?Und Ihr Töchterchen?, frage ich, – weil ich mich ja heute nicht auf politische Gespräche einlassen will, und Marine-S.A. zur politischen Erziehung gehört. – Ja, die Anna, sie ist erst 12 Jahre alt, ein liebes, stilles Kind. Früher sind wir Sonntags zusammen an den Strand gegangen, in der alten Zeit. Aber jetzt ist sie ein B.D.M.-Mädchen, und muß viel üben und auch marschieren und so etwas, damit sie eine richtige "Deutsche Frau" wird. – Da haben Sie es ein bißchen einsam, Frau Boedeke? Sie sieht mich mißtrauisch an. Wir üben keine Kritik sagt sie streng, – das duldet mein Mann nicht. Und die Jugend gehört eben unserem Führer. – Sie verzehrt, ein bißchen hastig, ihren Sahnekuchen, dann fährt sie wieder im alten, leicht klagenden Ton fort: Ich bin ja nun auch sehr beschäftigt. Mein Mann sagt immer, es sei eine Schande, daß ich nicht in der N.S.-Frauenschaft bin, wo wir Frauen po-litisch erzogen werden. Aber woher soll ich die Zeit nehmen? – Früher hatten wir ein Mädchen, jetzt seit der Guldenabwertung muß ich alles selber machen.Die Guldenabwertung erfolgte, nach einem großartigen Maifest der nationalsozialistischen Partei, am 2. Mai 1933. Die Juden und die Polen hatten das ausgemacht, um uns zu schaden, sagt Frau Boedeke und richtet einen triumphierenden Blick auf mich 5. Es ist offenbar schwer, in Danzig "Ferien von der Politik" zu machen. Oder irre ich mich? Ist das alles längst nicht mehr "Politik", ist das das täg-liche Leben, das tägliche Brot, der Alltag der Bür-ger dieser einst stolzen und freien Hansestadt? Sind sie alle "politisch erzogen", die Siebzehnjährigen und die Schulmädchen und die Hausfrauen, die kein Winkelchen ihrer Seele davor bewahren können, nicht einmal für einen Spaziergang am Feiertag? Ich habe dann schließlich jemanden gefunden, der mit mir ins Grüne und aus dem Fahnenwald hin-aus an den weiten, friedlichen Strand hinaus fuhr. Eine kleine Jüdin – ich traf sie im Café der "Verdächtigen", wo sie mit ihrem Bruder, einem vergrübelten Studenten, saß. Der Student hatte einmal hochfliegende Pläne, er wollte Musikkritiker werden, in Berlin oder Paris oder Dresden. Jetzt hatten sie zusammen eine kleine Musikalienhandlung. Die neue, zeitgemäße Musik, die Marschalbums und Lieder der Hitler-Jugend durften sie allerdings nicht halten, weil sie Juden waren. Und weil nun also das Horst-Wessel-Lied nicht in ihrem Schaufenster lag, wurden sie natürlich von der Partei und allen Gutgesinnten boykottiert. 6– Trotzdem hat das kleine Fräulein Jakobsohn kein Wort über Politik ge-redet, als wir am Nachmittag zusammen zur alten Schloßkirche von Oliva 7 hinausgingen. Einen Aus-länder zu treffen, erklärte sie mir, sei genau wie eine Reise zu machen. Eine richtige Ferienreise sei das. In einem kleinen, russischen Restaurant in Zoppot aßen wir nachher russische Kotelettes, zu denen ich mein Lieblingsgericht, Preiselbeeren, haben wollte, die es aber nicht gab. Wir tranken auch Wodka, und Fräulein Jakobsohn wurde davon heiter und gesprächig. – Vielleicht erreiche ich es doch noch! sagte sie, und nickte mir mit einem glücklichen Lä-cheln zu. – Was wollen Sie denn erreichen?Daß mein Bruder einen Paß bekommt und ins Ausland gehen kann , sagte sie, er geht mir sonst hier zugrunde, und er hat so große Gaben! Ich fragte nicht, was aus ihr dann werden würde. Wir machten uns auf den Heimweg. – Am nächsten Tag, vor meiner Abreise aus Danzig, wurde beim Hotelportier für mich ein Paketchen abgegeben, es enthielt ein Glas eingemachter Preiselbeeren! – Annemarie Clark.