Schweizer Pionierarbeit im Urwald III. Die Reise nach Molanda Während der siebentägigen Flußreise von Leopold-ville bis Lisala machte ich die erste Bekanntschaft mit dem Urwald Zentralafrikas. Obwohl ich ihn noch nicht betreten hatte, sondern ihn nur vom Boot aus er-blickte, war ich davon doch tief beeindruckt. Die bei-den Flußufer sind von dichten, grünen Wänden ge-säumt, dahinter dehnt sich der Dschungel unendlich aus; nichts scheint die gleichmäßigen Wogen dieser Tropenvegetation zu unterbrechen als das majestäti-sche Band des Stromes, dem wir Tag und Nacht ent-lang glitten. Ich fragte mich wirklich, ob sich dieses Bild jemals ändern und wir uns einem Ziel nähern würden. Die Schiffahrtsgesellschaft "Otraco" 1 hatte mir auf ihrem schnellsten Dampfer 2, dem 800-Tonner " Co-lonel Chaltin 3", ein Dienstbillett als Journalistin ge-geben; außer mir waren ein schottisches Missionsehe-paar, zwei französische Offiziere und zwei Belgier an Bord, womit die paar Kabinen des kleinen Passagier-decks auch schon voll besetzt waren. Wenn wir des nachts bei einem Negerdorf anhielten, um unter un-geheurem Getöse Holz an Bord zu nehmen, wurde es in den Kabinen erstickend heiß, und man konnte wegen des Lärms, der Hitze und der Moskitoschwärme wenig schlafen. Ich verbrachte oft ganze Nächte auf der Brücke mit dem Kapitän, einem jungen Flämen Flamen , und seinem ersten Offizier, den einzigen Weißen der Besatzung. Wir hörten dann Radio aus aller Welt und über-zeugten uns so, daß es hinter dem unabsehbaren Aequa-torwald wirklich noch andere Gegenden gebe. Aber ich fragte mich vergebens, wie es möglich sei, in diesen Wald einzudringen, ihn zu roden und bewohnbar zu machen. Als ich in Lisala an Land ging, fand ich auf dem Postbureau das Telegramm, welches der Schweizer-konsul in Leopoldville nach Molanda geschickt hatte um meine Ankunft zu melden. Man erklärte mir, daß Herr Vivien nur zweimal im Monat einen Boten schicke, und daß man den nächsten erst in etwa acht Tagen erwarte. Molanda sei 250 Kilometer entfernt, und ich würde schwerlich einen Camion finden, der in jene Richtung führe. Ich habe dann in den zwölf Ta-gen, die ich in Lisala verbringen mußte, mehrere Last-wagen abfahren sehen; die einen fuhren auf eine Plan-tage am Mangala-Fluß, die einer großen Gesellschaft gehört; aber niemand konnte mir genau sagen, wie lange ich von dort in einer Pirroque, einem Ruder-schiff der Eingeborenen, bis Molanda brauchen würde. Andere fuhren zu kleinen Dörfern im Innern, wo es wohl einen portugiesischen Händler, aber vielleicht kei-nen Wagen zur Weiterreise gab. Ein Camion startete endlich nach Likimi, einem Posten, der nur etwa 50 Kilometer von Molanda entfernt ist. Aber das Ge-fährt schien mir in bedenklichem Zustand, und ich hatte recht, ihm zu mißtrauen. Als ich wenige Tage später mit einem Handelsagenten in einem Chevrolet-Liefer-wagen aufbrach, fanden wir den Camion kaum einige Stunden von Lisala entfernt verlassen auf der Dschun-gelpiste. Vom schwarzen Chauffeur war weit und breit nichts zu sehen. Wir untersuchten die Ladung, und nahmen fünf große Korbflaschen Wein mit, von denen wir annahmen, sie seien für einen Händler in Likimi bestimmt. Später zerbrach eine davon, und der ganze Wagen samt meinen beiden Handtaschen und einer kleinen Antilope, die unser Chauffeur unterwegs ge-tötet hatte, waren von zehn Litern portugiesischem Rotwein durchtränkt. Die Fahrt durch den Urwald schien mir eintönig und bedrückend. Es gab zwar viele Eingeborenen-dörfer am Weg; aber diese Ansammlung gelber, mit Palmblätter gedeckter Erdhütten genügten kaum, um auch nur eine Lichtung zu öffnen, und die winzigen, mit Mais, Maniok oder Reis bepflanzten Felder gin-gen wieder in die dichte Wirrnis des Dschungels über. In einem Dorf zeigten uns die Schwarzen ein frisches Leopardenfell, in einem anderen brachten sie uns Erdnüsse, in einem dritten luden wir Salzsäcke vor einer Hütte ab, die als Niederlage einer großen Ge-sellschaft diente und wo ein schwarzer, europäisch ge-keideter "Agent" seinen mehr oder minder nackten Stammesgenossen außer Salz noch japanische Baum-wollstoffe verkauft. Die meisten Dörfer schienen fast ausgestorben; vielleicht war ein Teil der Männer im Wald auf der Jagd; einige Alte lagen schläfrig auf niedrigen Bettgestellen; die Frauen hockten vor ihren Töpfen und kleinen Feuern, die von drei mit den Spitzen zusammengelegten Baumästen genährt wurden. Es gab Rudel von nackten Kindern 4, magere, großohrige Hunde, und manchmal ein paar Ziegen. Aber das alles schien in der feuchten Hitze und grünen Halb-dämmerung des Dschungels dahin zu vegetieren ohne rechtes Leben, ohne Freude. Wir wurden gegen Abend auf einer primitiven, aus drei zusammengekuppelten Pirroquen bestehenden Fähre 5 über den Mangala-Fluß gesetzt und gerieten dann in einen heftigen Regen, der sich durch Windstöße und Blitze ankündigte und die ganze Urwaldwelt plötzlich unheimlich belebte. Aber da waren wir schon ganz nahe von Molanda, und ich atmete auf, als ich sah, wie der Dschungel sich lichtete. Man verließ die beklemmende Enge des Pfads, ließ den Waldrand wie die Mauer einer Unterwelt zurück, und fuhr jetzt zwischen schönen Palmenreihen durch ein ansteigendes Gelände, über dem sich ein hoher Wolkenhimmel wölbte. Man empfand ein dank-bares Gefühl der Befreiung und konnte die Weite des gerodeten Landes fühlen, obwohl es schon Nacht wurde und ein neuer, platzartiger Regen die Dunkelheit ver-stärkte. Etwa acht Kilometer fuhren wir so durch Palmenpflanzungen und Felder mit Kaffeesträuchern bis zum Haus, dessen großes, tief über die rötlichen Lehmmauern gesenktes und mit Palmblättern bedeck-tes Dach an das heimelige Strohdach eines Aargauer Bauernhauses gemahnte 6. Ein weißgekleideter Neger mit einer Petrollampe in der Hand öffnete die Türe. Bald darauf saß ich nach einem warmen Bad und in trockenen Kleidern am Tisch im großen Wohnraum und merkte beim Anblick von kaltem Gitzibraten 7, fri-schem Mais, Spiegeleiern und einer Rotweinkaraffe, daß ich mächtigen Hunger und Durst hatte. IV. Zwölfhundertfünfzig Hektaren Molanda heißt ein kleines Gewässer 8, das am Fuß einer schönen, breiten Anhöhe in die Mangala mün-det. Dieser Nebenfluß des Kongos ist zwar stattlich genug, damit die kleinen Otraco-Dampfer hinauffah-ren können, um Waren in den Dörfern abzusetzen und die Oelfässer und Kaffeesäcke der Plantagen zu ver-laden; aber wie er sich zwischen seinen dichtbewach-senen, grünen Ufern hindurchwindet, wirkt er doch wie eine bescheidene Ader im Inneren des gewaltigen Aequatordschungels. Der Name Molanda wurde dann auf die Plantage übertragen, die im Jahre 1925 auf jener Anhöhe über der Mangala begonnen wurde. Man schlug eine erste Bresche in den Urwald, ging ihm mit Buschmessern und Feuer zu Leibe, ließ zuerst das Unterholz schneiden, dann die kleineren Stämme, dann die Baumriesen, und zündete zuletzt den so ge-fällten Dschungel an. Heute bezeichnet Molanda nicht mehr eine bescheidene Lichtung, die ringsum von der Macht des Waldes eingeengt und bedroht ist, son-dern ein dieser düsteren afrikanischen Wildnis abge-rungenes Stück Erde, das fruchtbar und bewohnbar ist, wie die Landstriche es sein müssen, damit sie uns zur Heimat werden. Auf der Anhöhe, von wo man in der Ferne das blaugrüne Meer des Waldes überblicken kann, steht zwischen Palmen und blühenden Büschen das Haus. Seine niedrigen Lehmwände sind mit einem Gitter-werk aus Pfählen und Aesten gestützt; ein Quergiebel überdacht den fast nur aus Fenstern bestehenden Erker des Wohnraums, der die Mitte des Hauses einnimmt. Der Boden ist zementiert; die Decke besteht aus Palm-matten. Hier ist es immer kühl, und die Aussicht ist weit und frei. Auf der anderen Seite des Hauses schließen sich die Schuppen für die beiden Automobile, die Werkstätten und die Küche an; dahinter liegt ein großer Gemüse- und Baumgarten, noch etwas weiter die Einzäunungen für die Hühner, ein großes Rudel Ziegen und sogar ein paar kleine, schwarze Rinder und zwei kleine Pferde aus dem Tschad. Der Hauptweg führt zwischen den ersten Palmen der Pflanzung wie durch eine stattliche Allee vorbei an drei weiteren Häusern. Das dritte ist noch im Bau 9 und wird dem jungen Schweizer Agenten mit seiner Frau und ihren kleinen Kind als Wohnung dienen. Neben Herrn und Frau Vivien sind sie die einzigen Weißen von Mo-landa, der Pflanzung, die heute 1250 Hektaren be-bauten Bodens umfaßt. Wenn man jetzt viele Kilo-meter auf sauberen Wegen durch die schattigen Palm-haine und reichen Kaffeefelder fährt, kann man sich kaum vorstellen, daß das gleiche Land vor fünfzehn Jahren noch von dichtem Urwald zugedeckt war, und daß es zwei Menschen allein gelungen ist, es so zu verwandeln und in Besitz zu nehmen! Man glaubt ihnen gern, daß der Anfang nicht leicht war. A. C.-Sch. Annemarie Clarac-Schwarzenbach